Achtsamkeit

"Wenn wir einen Begriff nennen müssten, der in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle spielen wird: Welchen würden wir wählen?

Achtsamkeit.

Dieser seltsam schüchterne, aber unglaublich mächtige Begriff hat eine beispiellose Trend-Karriere hinter sich. Achtsamkeit hat es auf die Titelseiten großer Magazine geschafft. Achtsamkeit heißt: In einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen. Achtsamkeit ist die Kulturtechnik der reifen Individualität in einer konnektiven Welt." (Matthias Horx)

(Quelle: http://www.zukunftsinstitut.de/artikel/tup-digital/06-innovation-gap/07-future-forecast-2016/gibt-es-einen-megatrend-achtsamkeit/)

 

Was ist "Achtsamkeit"?

Wenn wir von Achtsamkeit sprechen, meinen wir eine Form von Aufmerksamkeit für alles, was gerade jetzt in diesem Moment ist. Ein achtsamer Mensch glaubt an die "Kraft der Gegenwart". Hier sehen wir uns unter anderem Eckhart Tolle sehr verbunden (vgl. sein weltweit gelesenes Werk "The power of now"). Mit Jon Kabat-Zinn sehen wir in der "Achtsamkeit eine Aufmerksamkeit, die

  • absichtsvoll ist
  • sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft) und
  • nicht wertend ist."

(Jon Kabat-Zin: An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients based on the practice of mindfulness meditation: Theoretical considerations and preliminary results. In: General Hospital Psychiatry. 4 (1), 1982, S. 33-47)

Neben dem weisheitlich-philosphischen Zugang über Eckhart Tolle und dem ursprünglich medizinischen Zugang zur Achtsamkeit von Jon Kabat-Zinn folgen wir einer weiteren Spur zur "Achtsamkeit": Für uns ist Achtsamkeit nichts anderes als das, was Franz Jalics als "kontemplative Lebenshaltung" beschreibt. Mit Anthony de Mello lässt sich Achtsamkeit auch als "Meditation von Leib und Seele" bezeichnen oder schlicht als eine Form von "Beten". 

Dabei geht es uns nicht um eine Art von Wellness-Spiritualität. Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, Menschen glücklich zu machen, schöne Gefühle zu erzeugen, nicht einmal, dass sie sich entspannen. Auch bei dem von Kabat-Zinn entwickelten Programm "Mindfulness based stress reduction" (MBSR) geht es nicht eigentlich um Entspannung oder Glück. Vielmehr geht es um den Kontakt mit dem Sosein, mit dem Leben, wie es jetzt gerade ist, mit mir selbst und mit der Welt - aus einer Präsenz und grundsätzlichen Hingabe heraus. Von dort sind das Leben und die Welt zu gestalten. Alles andere ist Selbst-Täuschung oder Manipulation. Entspannung ist gut. Aber sie geht nur in die Tiefe, wenn wir uns dem Leben so stellen, wie es ist: voller Verspannung und voller Kraft, voller Schmerz und voller Glück, voller Traurigkeit und voller Schönheit.

Schauen wir noch einmal in die Einleitung des Zukunftsreports von Matthias Horx (Quellenangabe s.o.): 

"Ist Achtsamkeit der Gegentrend zur Individualisierung? Im Gegenteil: Es ist die Realisierung von Individualität im Zeitalter der Übernervosität. Achtsamkeit ist die Kulturtechnik der reifen Individualität in einer konnektiven Welt. Gewissermaßen ein Upgrading unserer mentalen Software. Der Begriff ist ohne das Wort Selbst-Wirksamkeit nicht zu verstehen: Achtsamkeit schaut nach innen, ohne das Außen zu vernachlässigen. Nein, wir müssen nicht alles glauben, was uns jeden Tag, jede Minute um die Ohren fliegt. Wir sind verbunden, aber nicht unbedingt abhängig. Wir sind verantwortlich, aber nicht schuldig. Achtsamkeit will heraus aus dem ewigen Müssen-Müssen. Wir können lernen, die eigenen Schwächen zu verstehen und zu bejahen. Scheitern zu lernen, aber auch aus dem Scheitern zu lernen. Ziele selbst-bewusst zu setzen, anstatt immer nur einem "Ziel" hinterherzujagen. Natürlich hat Achtsamkeit etwas mit Spiritualität zu tun. Der Boom von Yoga-Techniken hat sicherlich den Boden bereitet: Meditation ist, in welcher Form auch immer, eine Grundtechnik der Achtsamkeit. Aber es geht nicht um jene 'magische Spiritualität', wie sie heute in jedem esoterischen Billigladen feilgeboten wird ('Nutzen Sie Kristalle zur Erleuchtung!'). Achtsamkeit entwickelt sich in den Schnittmengen von Kognitionspsychologie, Systemwissen und Spiritualität. Anders als im klassischen Buddhismus ist das Ziel nicht die Auflösung des Ich, sondern die Wiederentdeckung des Selbst."

Achtsamkeit ein wunderbarer Übungsweg, unsere Momente und Muster zu erkennen, gerade dort, wo wir unsere Batterien sinnloserweise entladen, wo wir Energie vergeuden, wo es viel wichtiger ist, Energie einzusparen, statt ständig neue Kicks zu suchen, die uns Energie geben könnten.