Herzensbildung

"Die westliche Ausbildung ist fast nur auf die Entwicklung der Intelligenz und ein möglichst großes Wissen ausgerichtet. Die Herzensbildung kommt dabei wohl zu kurz. Es muss ein Gleichgewicht zwischen dem Gehirn und dem Herzen bestehen." (Dalai Lama)

"Die Bildung des Menschen ist der Schlüssel von allem. Diese Bildung hat, kurz gesagt, zwei Dimensionen: Wissen, Können erwerben, Know-how. Aber es muss die Bildung des Herzens mit dazukommen, durch die der Mensch Maßstäbe gewinnt." (Papst Benedikt XVI.)

"Ein herzensgebildeter Mensch sitzt am Lenkrad seines Lebens und lebt aus einer dem Leben zugewandten Haltung heraus." (Maria Elisabeth Schmidt)

 

Das Kapital in uns

Anselm Bilgri hält mit seinem Buch "Herzensbildung", so auch der Untertitel, "ein Plädoyer für das Kapital in uns" (München 2009; dort finden sich auch die obigen Zitate von Papst Benedikt XVI. und dem Dalai Lama, vgl. S. 11-13). Nach Bilgri gehe es in der Herzensbildung um die Befähigung, "die Stimme des 'inneren Meisters'" zu hören, "die nicht einfach mit der moralisierenden Stimme des Gewissens gleichgesetzt werden darf" (ebd. S. 15). Der Spur der obigen Zitate von Papst Benedikt und dem Dalai Lama folgend ist für Bilgri Herzensbildung vor allem Persönlichkeitsbildung: "Neben dem rein verstandesmäßigen Aneignen und Erlernen von Kenntnissen, abspeicherbarem Wissen, eben Zahlen, Daten Fakten und Formeln (den sogenannten 'hard skills'), geht es bei der Herzensbildung um die sozialen, emotionalen, kommunikativen, künstlerischen und religiösen Fähigkeiten des Menschen. Diese 'soft skills' prägen unser Erfahren, Fühlen, Denken, Wollen und Handeln, das Bild des Herzens wird so zum Symbol für die Heranbildung einer Persönlichkeit" (ebd.).

 

Glaube/Spiritualität, Achtsamkeit, Spiel

Auch wir von cordat sehen in dem Anliegen der Herzensbildung das Wesen von Bildung schlechthin, nämlich dass der Mensch werde, wer er bzw. sie ist. Auch uns geht es also um die ganzheitliche Entfaltung des inneren Kapitals des Menschen. Dabei konzentrieren wir uns besonders auf drei Haltungen: Glaube, Achtsamkeit, Spiel.

Unter Glauben verstehen wir in erster Linie ein Grundvertrauen in sich selbst, in andere Menschen und ein mögliches Gegenüber, das Mensch und Welt übersteigt - und viele Gott nennen. Zur Herzensbildung gehört für uns wesentlich eine Offenheit, eine Sensibilität für existentielle Fragen und Standpunkte, für die Frage nach Transzendenz, Gott, Religion und Religiosität bzw. Spiritualität. Auch Maria Elisabeth Schmidt, Gründerin des "Gipfels der Herzensbildung", einer Initiative zur gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spricht in ihrem Beitrag "Luxusgut Herzensbildung" in "Die Tagespost" vom 14. Dezember 2013 davon, welch entscheidende Vorbedingung heilvolle Bindungen sind auf dem Weg zum "Luxusgut Herzensbildung". Für die, die "in ungeborgenen Bindungen aufgewachsen sind", so Schmidt, "hält die Natur einen Plan B bereit. Wer einen Menschen im Leben findet oder den Glauben an einen liebenden Gott, zu dem er eine vertrauensvolle Bindung aufnehmen kann, kann innerhalb dieser Beziehung zur Ruhe kommen" (ebd.).

Wenn wir im Kontext der Herzensbildung von Achtsamkeit sprechen, meinen wir eine Form von Aufmerksamkeit für alles, was gerade jetzt in diesem Moment ist. Ein achtsamer Mensch glaubt an die "Kraft der Gegenwart". Hier sehen wir uns unter anderem Eckhart Tolle sehr verbunden (vgl. sein weltweit gelesenes Werk "The power of now"). Mit Jon Kabat-Zinn sehen wir in der "Achtsamkeit eine Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft) und nicht wertend ist."

Achtsamkeit ein wunderbarer Übungsweg, unsere Momente und Muster zu erkennen, gerade dort wo wir unsere Batterien sinnloserweise entladen, wo wir Energie vergeuden, wo es viel wichtiger ist, Energie einzusparen, statt ständig neue Kicks zu suchen, die uns Energie geben könnten.

Maria Elisabeth Schmidt nennt das zweite Grundbedürfnis auf einem Weg der Herzensbildung "Ruhe". Achtsamkeit ist ein Weg, zu solch innerer Ruhe zu finden.  

(Mehr zu unserem Verständnis von Achtsamkeit.)

Schließlich das Spiel. Das mag überraschen. In unserer Gesellschaft hat Spielen im Zusammenhang mit Bildung keine große Lobby. Spielen wird eher mit Unterhaltung, Zerstreuung oder gar "Spiel-Sucht" in Verbindung gebracht. Wenn wir vom "Spielen" reden, meinen wir ein anderes Spielen als das bloß unterhaltende bzw. zerstreuende Spiel oder ein Spielen, das von Wettbewerb, von Konkurrenz, Siegen und Verlieren geprägt ist. Uns geht es um ein "ursprüngliches Spielen" (original play), ein absichtsloses, ein "von-Herzen-Spielen" (O. Fred Donaldson).

Maria Elisabeth Schmidt beschreibt in ihrem genannten Beitrag drei Grundbedürfnisse von Kindern als Bedingungen für Herzensbildung. Auch wenn sie  nicht von original play spricht, so sieht auch sie ein "Spiel[en], das diesen Namen verdient"  hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse sogar "an erster Stelle": "Spiel ist lebensnotwendig. [...] Hier wird die Voraussetzung für emotionale Gesundheit grund[ge]legt!"

Kein Geringerer als Friedrich Schiller hat das Mensch-sein an sich mit dem Spielen in Verbindung gebracht: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (In: Über die ästhetische Erziehung des Menschen.)

 

Drei Fähigkeiten

Herzensbildung schließt laut Maria Elisabeth Schmidt insbesondere "drei Befähigungen" ein.  So sei "ein herzensgebildeter Mensch [ ] fürsorglich, stabil und sozial. Er ist fürsorglich anteilnehmend. Er ist stabil, also widerstandsfähig und reift an den Widrigkeiten des Lebens, anstatt daran zu zerbrechen (das Fachwort hierfür ist Resilienz, also Widerstandsfähigkeit), und er ist ein soziales Wesen. Er kann sich in Gemeinschaft integrieren, ohne sich zu verlieren und kann seine eigenen, auch abweichenden Meinungen und Werte aufrecht erhalten - ohne andere dabei zu verletzen." (Ebd.)

 

Herzensbildung macht menschlich

"Herzensbildung macht den Menschen menschlich", schreibt Maria Elisabeth Schmidt. Herzensbildung sei eine "Haltung, eine Vielfalt von liebenswerten Eigenschaften zu leben". Darunter fallen unter anderem: einfühlsame Fürsorge, Stabilität und Integrität, Freundlichkeit, Courage, Hilfsbereitschaft, Selbstbeherrschung, Verbindlichkeit, Dankbarkeit, Ausgeglichenheit, Widerstandsfähigkeit.

Mit Blick auf das Tableau von Anselm Bilgri ließe sich bei der Beschreibung, worum es im Rahmen von Herzensbildung geht, stichwortartig hinzufügen: Liebe, Demut, Werte, Lebensfreude, Vertrauen, Gelassenheit, mehr Gefühl, etwas Heiliges, Zweckfreiheit.